Wir prompten die KI perfekt – und reden mit Menschen wie Trottel

Wir investieren stundenlang in perfekte KI-Prompts – aber erklären unseren Kollegen die Aufgabe in drei Halbsätzen. Ist da vielleicht was falsch?

Letzte Woche hab ich ungefähr 45 Minuten damit verbracht, einen System-Prompt für Claude zu schreiben. Ich wollte, dass das Modell genau meinen Schreibstil trifft, den richtigen Ton hat, meine Vorlieben kennt. Kontext hier, Kontext da, Beispiele rein, Edge Cases beschreiben. Ich war richtig stolz auf das Ergebnis.

Einen Tag später hab ich mit jemandem über ein Projekt gesprochen. Ich schätze, ich hab mir für die Erklärung drei Minuten genommen. Vielleicht auch zwei.

“Hat der andere das jetzt so verstanden wie ich’s gemeint hab? Keine Ahnung. Aber nachfragen kostet Zeit.”


Der Kopf-Kopf-Kampf ums richtige Verständnis

Es gibt mittlerweile ganze Kurse, Bücher, YouTube-Kanäle und LinkedIn-Posts zum Thema Prompt Engineering. Wie erkläre ich dem Modell, was ich will? Welche Rolle soll es einnehmen? Soll ich Beispiele geben? Soll ich es Schritt für Schritt denken lassen?

Ich finde das alles legitim und ehrlich gesagt auch faszinierend. Aber irgendwann kam mir der Gedanke: Wann haben wir zuletzt so viel Aufwand in die Kommunikation mit anderen Menschen gesteckt?

Wir machen uns einen riesen Kopf darum, ob das LLM uns richtig versteht – und beim nächsten Meeting werfen wir unseren Kollegen drei Stichpunkte hin und wundern uns, dass das Ergebnis nicht passt.


Kontext ist König – aber nur für Maschinen?

Guter Kontext für eine KI bedeutet:

  • Klares Ziel nennen
  • Hintergrund erklären
  • Einschränkungen definieren
  • Beispiele geben, was gut/schlecht ist
  • Den “Ton” festlegen

Klingt vertraut? Das ist nämlich exakt das, was ein Mensch auch braucht, um eine Aufgabe gut und gewissenhaft umzusetzen. Nicht nur irgendwie. Gut.

Ich erlebe immer öfter, dass in einer Welt, die immer schnelllebiger wird, der Kontext für Menschen immer dünner wird. Eben war Thema A noch die Priorität Nummer eins – schwupps ist es Thema B. Keine Erklärung warum. Kein Übergang. Einfach: neues Thema, los.

Ein LLM schluckt das klaglos. Ein Mensch braucht einen guten Übergang. Die Begründung. Das “Warum jetzt?”


Das Paradox der Prompt-Kompetenz

Ich glaube, wir entwickeln gerade eine echte Kompetenz in Sachen strukturierter Kommunikation – aber wir wenden sie fast ausschließlich auf Maschinen an.

Dabei wäre genau diese Kompetenz im menschlichen Miteinander mindestens genauso wertvoll. Wahrscheinlich wertvoller.

Schlechter Kontext ist nie einfach nur ein kleineres Ergebnis – da hängt Frust dran, Fehler, Nacharbeit, manchmal sogar Demotivation. Egal ob im Job, in der Familie oder mit Freunden. Ein LLM iteriert still und leise. Menschen beschweren sich vielleicht gar nicht – aber sie arbeiten dann an der falschen Sache. Oder fühlen sich einfach nicht ernst genommen.

Vielleicht ist der beste Transfer-Skill aus der KI-Welt nicht Programmieren – sondern Erklären.


Prompting-Skills für echte Menschen

Mal ehrlich: Was wäre, wenn wir die Dinge, die wir beim Prompten lernen, einfach auf unsere Alltagskommunikation übertragen?

  • Ziel klar formulieren – Was soll am Ende rauskommen? Nicht “mach mal”, sondern “ich brauche bis Freitag X, das Y erfüllt”
  • Kontext mitgeben – Warum ist das wichtig? Was ist der Hintergrund?
  • Beispiele zeigen – Hier ist, was gut aussieht. Hier ist, was ich nicht will.
  • Einschränkungen nennen – Zeit, Budget, technische Grenzen
  • Feedback strukturieren – Nicht “passt nicht”, sondern “Abschnitt 2 ist zu technisch für die Zielgruppe”

Das klingt nach Selbstverständlichkeiten. Ist es aber offensichtlich nicht, sonst würden wir’s öfter tun.


Oder täusche ich mich hier?

Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Vielleicht war menschliche Kommunikation schon immer oberflächlich und kontext-arm – und ich merke es jetzt mehr, weil ich durch das Prompting einen neuen Maßstab bekommen habe.

Oder – und das wäre der etwas unschöne Gedanke – wir stecken so viel Energie in die Kommunikation mit KI, weil sie keine Gefühle verletzt, nichts persönlich nimmt und uns nie anschaut als wären wir blöd. Das Modell beschwert sich nicht. Es fragt einfach nach.

Manche Menschen auch nicht. Die arbeiten dann einfach still in die falsche Richtung.


Fazit

Ich finde es gut und richtig, dass wir lernen, wie man mit KI-Systemen sinnvoll kommuniziert. Aber ich wünschte, wir würden einen Bruchteil dieser Energie auch in die Kommunikation mit echten Menschen stecken. Kontext ist kein Feature für LLMs – Kontext ist Respekt. Respekt vor der Zeit und der Arbeit des anderen.

Die Prompting-Skills, die wir uns gerade mühsam aneignen, sind im Grunde nichts anderes als strukturierte Kommunikation. Und die funktioniert auch ohne API-Key.

Bleibt neugierig, Alex